Alice Springs

In “The Alice” waren wir zunächst mal auf dem Anzac-Hill. Anzac = Australia New Zealand Army Corps. Australier bauen ihre Städtchen mit Vorliebe zwischen Hügel, von denen man dann auf die Stadt hinunterschauen und schöpferische Energie tanken oder einfach nur seine Gedanken schweifen lassen kann (für die Hauptstadt Canberra hat man extra eine Stelle gesucht und gefunden, wo gleich 4 Hügel in jeder Himmelrichtung um die Stadt herum liegen). Ausserdem scheint es ein australientypischer Touristensport zu sein, die Hügel der Städte zu erklimmen und dem Sonnenuntergang zuzuschauen. Richtig australisch ist es jedoch nur, wenn man Wetten darüber abschliesst, wielange der Sonnenuntergang dauern wird – in Croyden waren es 17min36sec und eine deutsche Frau hat die Wette gewonnen. Nach dem Sonnenuntergang waren wir im City Center: in der Fussgängerzone (Todd Mall) hingen jede Menge Aborigines rum, aber sonst war alles tot. Von Alice Springs hätte ich eigentlich mehr quirliges Nachtleben erwartet. es gibt hier nur einen Nachtclub und ein paar Restaurants. Dummerweise finden die interessanten Events (“Sounds of the Starlight Theatre” oder “Ted Egans Outback Tales&Songs” oder sogar die Führungen durch Sehenswürdigkeiten bzw. Touristenattraktionen) nur während der High Season statt, also von April (leider erst Mitte April, und solange konnten wir nicht warten) bis Oktober. Alice Springs war früher eine der zwölf Telegraphenstationen, die den Süden Australiens mit dem Rest der Welt verbunden hat. Die Telegraphenstation liegt etwas nördlich von der heutigen Stadt Alice Springs, die früher Stuart hiess (Alice war die Frau von Stuart, der die Aufgabe übernommen hatte, die OT (Overland Telegraph) Line von Port Augusta nach Port Darwin (so hiess Darwin damals) zu bauen. Dass das schwerer war als gedacht, hat er erst gemerkt, als er den Auftrag schon angenommen hatte: 3000km Wüste und Regenwald waren zu überbrücken und der grösste Teil davon war noch unerforscht. Man musste also überhaupt erst einmal einen Weg durch die trockene Wüste und den moskitoverseuchten Dschungel finden. Der Wüstenteil war relativ leicht zu bewältigen. Man hatte eine Menge Kamele zur Verfügung (jedes schleppte 250kg), die waren solche Bedingungen ja gewohnt. Probleme gab es vor allem im Norden, denn da weigerten sich die Leute, unter diesen Bedingungen (heiss und feucht und viele viele Stechbiester) zu arbeiten – würde ich auch nicht können bei diesen Insektenschwärmen. Jedenfalls hat sich Herr Stuart dann persönlich darum gekümmert und sie haben es doch noch rechtzeitig geschafft. 1872 wurde die erste telegraphische Nachricht übermittelt. 50 Jahre später, 1932, wurde die Station auch schon wieder geschlossen (moderne Technik wurde auch in Australien verfügbar) und erlebte dann ein Stück weniger glorreicher Geschichte. Diese ist mit den Aborigines verbunden: die Station diente einige Zeit als eine Art Kinderheim für die Kinder von Aborigines, weil man der Meinung war, diese europäisch erziehen zu müssen. Während des zweiten Weltkrieges lungerten ein paar Soldatentrupps da rum und später wurde dann wieder der ursprüngliche Zustand der Telegraphenstation hergestellt, damit sie fortan an als Museum und Zeugnis der Geschichte dienen kann. Der wichtigste Mann auf der Telegraphenstation war der Station Master. Er musste aufpassen, dass der Telegraph auch ständig morste und alles in bester Ordnung war (also der Whiskey durfte nur für medizinische Zwecke benutzt werden und ausnahmsweise nach ganz schwerer Arbeit). Aber obwohl die Regeln so klangen, als ob er da allein für alles verantwortlich war, gab es noch seine Familie und eine Menge Angestellter, von denen die meisten für die Stromerzeugung zuständig waren. Ach, und der Hufschmied hatte wohl auch noch alle Hände voll zu tun, denn Pferde waren da das Haupttransportmittel. Alle benötigten Güter wurden von der Regierung rationiert und einmal im Jahr per Kamel von Adelaide angeschleppt (500km). Eine Frau, die als Kind auf der Station gelebt hat, schrieb ein Buch darüber: “Alice … on the line” (den Namen hab ich vergessen, aber das ist in Australien ein Bestseller, das sollte man finden).

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