der Lutscher und andere Krankheiten

Es ist jetzt schon mehr als eine Woche her, aber ich hatte einfach nicht die Zeit, es aufzuschreiben:

Mittwoch abend: Pascale jammert: “Mein Ohr tut weh!” Sie hielt dauernd die rechte Hand ans rechte Ohr und innerhalb weniger Minuten wurde es richtig schlimm. Nach einer Weile wollte sie nur noch auf meinen Arm. Deswegen konnte ich nicht mal eben schnell im Internet recherchieren, was man denn so tut, wenn ein Kleinkind über Ohrenschmerzen klagt. Pascales Jammern wurde von Minute zu Minute schlimmer und eigentlich war sie fix und alle und wollte nur noch schlafen. Sie konnte aber wegen der Schmerzen nicht einschlafen. Während Pascale also auf meinem Arm hing und – obwohl sie kaum noch Kraft hatte – immer lauter in mein Ohr quäkte, was die Kommunikation mit Philipp erheblich erschwerte, beauftragte ich Philipp damit, etwas über Ohrenschmerzen und Mittelohrentzündung herauszufinden und einen Arzt anzurufen und auszufragen. Irgendwie war ich mit dem Ergebnis dann aber noch nicht zufrieden. Ich gab ihm weitere, konkretere Anweisungen und ließ ihn dann noch mit Miriam telefonieren, von der ich wusste, dass ihre beiden Töchter schon mehr als einmal Mittelohrentzündung hatten. Letztlich entschieden wir, Pascale ein Zäpfchen Paracetamol in den Popo zu schieben. Das fand Pascale natürlich sehr unerfreulich, aber es war auf jeden Fall das richtige. Schon fünf Minuten nach EInschub des Zäpfchens verwandelte sich Pascales Quäken in leises Schluchzen und bereits 10 Minuten später war sie auf meiner Schulter eingeschlafen. Anscheinend wirkte das Zäpfchen auch noch die ganze Nacht, denn sie schlief perfekt durch bis zum nächsten Morgen. Am nächsten Morgen ging ich dann mit ihr zur Ärztin, die feststellte, dass das rechte Ohr rot und entzündet ist. Pascale war – für mich sehr überraschend – ganz tapfer und ließ sich ohne Geschrei in die Ohren und in den Hals gucken und auch an der Brust und am Rücken abhorchen. Anscheinend ist sie jetzt doch schon aus dem Alter raus, wo sie einfach nur anfängt zu brüllen, wenn ihr etwas unheimlich ist. Jetzt ist sie schon so groß, dass sie aufmerksam und neugierig verfolgt, was der Arzt oder die Ärztin da macht. Toll! Es muss ziemlich interessant für sie gewesen sein, denn seitdem erzählt Pascale öfter mal “Ich will zum Arzt gehen.” Und dann will sie nicht so richtig einsehen, dass man den Arzt bitte schön nicht belästigen sollte, wenn man gar keine Krankheit hat. Sie ist schon so schlau und erfindet dann einfach was, sagt “mein Ohr tut weh” oder “mein Arm tut weg”, “mein Bauch tut weh”, “mein Bein tut weh” damit ich mit ihr zum Arzt gehe. Zum Glück kenne ich sie aber so gut, dass ich merke, ob sie nur so tut, oder ob ihr tatsächlich ernsthaft etwas weh tut.
Die Ärtin hatte Pascale Nasentropfen verschrieben und mir erklärt, dass man Mittelohrentzündungen von der Nase aus behandelt, damit die Eustachische Röhre frei wird und das Ohr belüftet wird. Außerdem hat sie Paracetamol-Saft verschrieben, damit ich Pascale keine Zäpfchen geben muss. Dann fuhren wir in die Apotheke. Dort bekam Pascale nicht nur ihre Medizin (worauf sie ganz stolz war, weil sie endlich auch mal Medizin nehmen durfte, denn Medizin bekommt sonst immer nur Mama und für Pascale ist sie tabu), sondern dazu noch einen Lutscher geschenkt. Keinen Standardlutscher, nein, in Apotheken gibts flache Traubenzuckerlutscher in Kleeblattform mit zig Vitaminen angereichert. Pascale war glücklich. Ihr Ohr tat ja sowieso schon nicht mehr weh. Die Medizin wollte sie gern nehmen. Ich gab ihr den Messbecher voll Paracetamol-Saft. Sie trank einen Schluck und merkte, dass das Zeug eigenartig schmeckte. Prompt kam von ihr: “Ich mag es nicht Medizin.” Den Rest wollte sie nicht mehr trinken. Ich wollte den Rest einfach hinunterschütten, aber sie hat es wieder ausgespuckt. Komisch, beim Zähneputzen, wo sie ausspucken soll, funktioniert es nie, da verschluckt sie alles. Nun ja. Nasentropfen wollte sie dann auch nicht mehr. Die habe ich mit Festhalten und Gebrüll hineinbekommen. Zum Glück war das nur 2 Tage notwendig. Seitdem ist Pascale nicht mehr an Medizin interessiert. Kein Wunder. ;-)
Aber der Lutscher, der war toll. Direkt nach den Nasentropfen sind wir mit dem Auto zur KiTa gefahren (die Ärztin sah keine Notwendigkeit fürs Zuhausebleiben). Pascale leckte zwar zwei, drei Mal an dem Lutscher, aber die meiste Zeit erzählte sie nur: “Ich hab ein Lutscher.” “Willst du auch ein Lutscher?” Egal, was ich antwortete, sie kannte die ganze Autofahrt nur noch diese beiden Sätze. Ich versuchte es mit ja, mit nein, mit Ablenkungen auf andere Themen, aber nichts half. Ich war völlig genervt. Der Weg zur KiTa war noch nie so lang. “Willst du auch ein Lutscher?” In der KiTa packte ich den Lutscher ein, da sie nicht vor allen Kindern allein einen Lutscher essen darf. Großes Geschrei und Geheul. “Mein Lutscher. Mein Lutscher. Ich will mein Lutscher.” Nachmittags, als ich Pascale abholte, gab ich ihr den Lutscher wieder. Sie war glücklich. Und nervte mich wieder: “Ich hab ein Lutscher. Willst du auch ein Lutscher?” Ich schaltete das Radio ein und wollte nichts mehr davon hören. Irgendwann mochte sie den Lutscher gar nicht mehr lutschen und ich habe ihn schnell aufgegessen.
Am nächsten Tag verlangte Pascale einen neuen Lutscher. Hm. Ich fuhr mit ihr einkaufen, konnte aber in keinem Laden einen Lutscher finden.
Am übernächsten Tag verlangte Pascale noch heftiger nach einem Lutscher. Ich hielt wieder bei der Apotheke an und fragte, ob wir noch so einen Lutscher haben könnten und ob man die vielleicht kaufen kann. Sie haben uns gern einen weiteren Lutscher geschenkt, aber nein, kaufen kann man die nicht. Pascale war mit dem einen aber schon zufrieden. Natürlich textete sie mich wieder zu mit “Ich hab ein Lutscher. Willst du auch einen Lutscher?” Ich habe mir angewöhnt, nicht mehr darauf zu reagieren, so wie sie auf meine Antworten nicht reagiert.
Dann ein paar Tage später war ich krank und musste mir in der Apotheke Locabiosol holen. Pascale ging forsch hinter den Tresen der Apotheke (drüberschauen kann sie ja nicht und wenn der Mann nicht zu ihr kommt, geht sie eben zu ihm) und sagte laut: “Ich will einen Lutscher kaufen.” Antwort: “Hast du denn Geld?” Pascale: “Ja.” Was natürlich nicht stimmte, aber auch allen Beteiligten egal war. Sie bekam nun ihren dritten Lutscher geschenkt und freute sich. Dann ging der ganze Spaß schon wieder los. “Ich hab ein Lutscher. Willst du auch ein Lutscher?”

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