Western Australia

Von Melbourne nach Perth ging es ausnahmsweise mal mit dem Flugzeug: nach den bisher gefahrenen 12000 km war uns die Lust auf weitere 7000 km durch die Nullarbor Plains (angeblich eine ziemlich öde Gegend, obwohl ich mir ein solches Urteil natürlich nicht erlauben kann, ohne sie gesehen zu haben) gründlich vergangen. Ein Flug von Melbourne nach Perth kostete mit Virgin Blue (warum nur sind die Flugzeuge aber alle rot?) 245 australische Dollar – Verpflegung leider nicht inklusive, nicht mal die Getränke :-( Bei der Landung hatte anscheinend ein Flugschüler seinen ersten Landungsversuch absolviert: Er muss noch viel üben. Selbst die Stewardess meinte: “That was the worst landing ever” (“Das war die schlimmste Landung meiner ganzen Karriere”). Zum Glück sassen wir vorne, da war es nicht ganz so dramatisch.
Witzig war aber, dass die Ansagen auf dem Flughafen alle mit “Good morning Ladies and Gentleman, Boys and Girls … ” eingeleitet wurden.

Nach 4 Stunden Flug minus 2 Stunden Zeitverschiebung (tja, in Perth ist es genauso spät wie in Singapur, aber 2 Stunden später als in Melbourne oder Sydney) war es immer noch früh am Morgen. Also erstmal in Ruhe gefrühstückt. Ich hatte endlich Gelegenheit, richtige Pies zu probieren und der Shepherd-Pie (so eine Art herzhafter Minikuchen mit Ragout-Fin- und Kartoffelbrei-Füllung) war fantastisch. Kennt jemand in Berlin einen Shop, wo man gute Pies bekommt?

Gut gesättigt und mit einem Mietauto versehen begann nun die Rundreise durch den südwestlichen Teil von Western Australia. Der Mietwagen war ein komischer kleiner Hyundai Getz – fast schon so klein und unförmig wie ein Smart. Macht aber nichts, der Rucksack und ein paar Wasserkanister haben hineingepasst, mehr brauchten wir nicht.

Unterwegs an der Strasse sahen wir wieder die von der Polizei aufgestellten Schilder, auf denen gross angeschlagen ist, wonach die Polizei gerade am heftigsten fahndet. Wir kannten schon “speeding” (Rasen), “drink drivers” (betrunkene Fahrer, und hier zeigt sich, dass auch australische Bullen die Witze, die über sie gemacht werden, verdient haben, denn in korrektem Englisch sollte es heissen: “drunken drivers”), “unsafe vehicles” (nicht verkehrssichere Fahrzeuge). In Western Australia sahen wir aber: “Local Police are now targeting seat belts.” Wozu benötigt die Polizei denn bitte schön Gurte? Ich kann mir zwar denken, dass die damit meinen, sie jagen die Autofahrer, die sich nicht anschnallen, aber ich finde trotzdem, dass gerade die staatlichen Behörden in ihrer Vorbildfunktion für das einfache Volk die Amtssprache des Landes einigermaßen beherrschen sollten. Dass die Australier sich nicht anschnallen, scheint ein großes Problem zu sein, denn überall stehen auch Schilder mit der Aufschrift “Wear a belt or wear a $105 fine”. Nicht angegurtet erwischt zu werden, ist also nicht billig.

Auch in Western Australia ist hauptsächlich der Küstenstreifen besiedelt – das Hinterland (heisst sogar im Englischen so!) dagegen weniger. Da das Land auch touristisch bisher wenig erschlossen ist, trifft man fast noch weniger Leute als im Outback. Alle 60km gibt es ein Dorf, in dem die Tankstelle den Lebensmittelpunkt darstellt. Neben ein paar Grundnahrungsmitteln (Burger und Chips) kann man allen möglichen Kram (von der Taschenlampenbatterie bis zur Wasserpistole) kaufen und Videos ausleihen. Was für ein Leben! Das geht natürlich auch an den Leuten dort nicht spurlos vorüber: ich habe in einer dieser Tankstellen Gilbert Grape und seine Mutter getroffen (wer den Film nicht kennt: die Mutter hat etwa einen Hüftumfang von 3.5 Metern – ungelogen).

Rund 250km nördlich von Perth liegt Cervantes, ein (wie nicht anders zu erwarten) kleines Örtchen am Eingang des Nambung Nationalparks. Uebrigens sind so viele der Ortsnamen an der Westküste französisch, weil zuerst Franzosen die Gegend besiedelt haben. Später machten sich aber auch dort die Engländer breit und versuchten, noch möglichst viele unbenannte Gegenden mit englischen Namen zu versehen. Sie waren dabei relativ erfolgreich, aber eine ganze Reihe französischer Namen sind noch zu finden. Unangenehm fand ich daran, dass ich ständig versucht war, die ursprünglich französischen Ortsnamen auch französisch auszusprechen und nicht englisch, wie es die Australier tun.

Pinnacles / Nambung National Park

Bei Cervantes gibt es gleich wieder vier National Parks auf einem Haufen. Drei davon sind allerdings noch nicht betoniert, sodass man ohne 4WD gar nicht reinkommt. Wir hätten diese (und insbesondere den Stockyard Gully Tunnel, wo man noch abenteuerlich mit Taschenlampe umherzieht) gern gesehen, aber für uns allein hätte der Tourguide sicher nicht seinen Wagen aus der Garage geholt. Die theoretisch angebotenen Touren finden dann praktisch doch nur während der Ferien statt, wenn etwas mehr Betrieb herrscht. Der vierte Nationalpark dort ist der Nambung NP, und in dem befinden sich die Pinnacles. Die sind so beeindruckend, dass sich ihre Schönheit schnell rumgesprochen hat, das heißt, da kommen sogar ab und zu Touristen vorbei, sodass inzwischen sogar eine asphaltierte Strasse dahinführt (die wurde erst vor vier Monaten fertiggestellt).

Bevor man die Pinnacles sehen kann, kommt man an einem kleinen Holzhäuschen vorbei. Da sitzt eine Frau drin und verkauft Eintrittskarten. Sobald sie um 17.00 Uhr Feierabend hat, kann man aber ohne Eintritt weiter. Sehr merkwürdige Philosophie.

Auf vielen vielen Postkarten hatte ich sie bereits gesehen: diese Kalksteinsäulen, die die Natur in jahrtausendelanger Kleinarbeit aus dem ursprünglich ebenen Kalkgestein herausgefräst hat. Bizarre Säulenformen zwischen gelbem Sand und blauem Himmel ließen natürlich die Erwartungshaltung entstehen, dass die Pinnacles unglaublich beeindruckend sein würden. Mein Reiseführer verstärkte das durch die Beschreibung, dass die Säulen im silbrigen Mondschein wie der Versammlungsort einer geheimen Verschwörung wirken. Ich konnte es kaum glauben, aber diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Im Gegenteil: es war noch grossartiger, als ich erwartet hatte. Warum? Ganz einfach. Ich hatte die übliche Sehenswürdigkeit erwartet: hinfahren, aussteigen, angucken, fertig. Das wars aber nicht bei den Pinnacles. Hier durfte man wie durch ein Labyrinth durch die riesigen Säulenfelder hindurchfahren oder laufen – okay, es gab nur einen Weg hindurch, aber es waren eben so viele Säulen, dass es eine interessante Entdeckungstour war. Wer Phantasie hat, kann die witzigsten Figuren darin erkennen, vom Kirchturm bis zum Elefanten.

Pinnacles
Elefant
Känguru
Und nach Sonnenuntergang sitzt auch mal ein Känguru dazwischen. Hüpft es weg, wenn man es erschreckt, dann war es sogar ein echtes. In unserem Fall waren wir allerdigs mehr erschrocken als das Känguru, weil wir uns natürlich Sorgen um das Wohl unseres Autos gemacht haben. Die letzten 17 km bis zu unserer Schlafstätte (ausnahmsweise mal ein gemieteter Campinganhänger im Caravan-Park) sind wir dann sehr vorsichtig gefahren und konnten auf diese Weise noch zwei Kängurus das Leben retten bzw. ihnen den Weg nach Hause leuchten, denn sie hüpften ganz munter die Strasse entlang, während wir hinter ihnen herfuhren und mit unseren Scheinwerfern die Strasse beleuchteten.

Neben den Pinnacles wälzen sich eine ganze Menge Sanddünen durch den Nambung Nationalpark. Da der Sand weiss ist, sieht das dann aus wie eine Schneelandschaft. Da guckt hier mal ein grüner Busch raus und dort mal ein schwarzer Strauch – sehr malerisch.

Das Hinterland (=alles östlich von Perth)

Die Gegend nordöstlich von Perth ist berühmt für ihre Wildblumenteppiche. Dafür ist jedoch bedauerlicherweise gerade die falsche Jahreszeit. Die volle Blütenpracht entfaltet sich natürlich im Frühling, und das ist Ende August bis Oktober. Diesen Anblick konnte ich also nur auf Fotos in diversen Bildbänden (die reichlich in jeder Touristeninformation vorhanden sind) bestaunen. Die einzige Pflanze, die zur Zeit blüht, ist die Banksia – die ist aber auch schon beeindruckend.

Sonst gibt es im Hinterland wenig aufregendes. Ein paar Kühe und Schafe, die auch schon mal aus ihrem Zaun ausbrechen und wilde Autojagden machen, aber sonst nur viele Eukalyptusbäume. Ich wollte aber unbedingt den Wave Rock sehen, der sich mitten in dieser Einöde befindet. Der Reiseführer hatte zwar gewarnt: Wenn man zufällig sowieso gerade in der Gegend ist, dann kann man sich den Wave Rock anschauen, aber sonst gibt es da weit und breit nichts. Wer extra deswegen hinfährt, muss schon sehr an aussergewöhnlichen Felsformationen interessiert sein … (sonst ist man selber schuld, wenn man so weit fährt). Aber wenn es da nichts gibt, wie sollte man jemals zufällig sowieso in der Gegend sein? Also habe ich die paar hundert Kilometer Nichts einfach mal ignoriert und bin hingefahren.

Hyden, Wave Rock, Mulka’s Cave, The Humps

Angeblich hatte es seit 5 Monaten in Western Australia nicht mehr geregnet. Aber kaum war ich da, gingen heftige Schauer los. So gestaltete sich die Besichtigung der Naturwunder von nun an regelmäßig als kurzer Einschub zwischen zwei Regengüssen. Meist hat es sogar geklappt, wenn es auch immer unangenehm feucht und kühl draußen war.

Nahe der Stadt Hyden befindet sich der Wave Rock. Der heisst so, weil er wie eine riesige versteinerte Welle aussieht. Richtig ist, dass der Felsen (100 m lang, 15 m hoch) durch den Einfluss von Wind und Wetter im Laufe der Jahrtausende so geformt wurde. Ganz in der Nähe gibt es noch The Humps, ein paar große Steine im Wald, wo die Aborigines früher ihre Farben für Felsmalereien rausgekratzt haben. Heute krabbeln da 3 cm lange Ameisen umher, sonst ist es einfach idyllisch ruhig. Eine kleine Höhle (Mulkas Cave), in der angeblich Felszeichnungen zu sehen sein sollen, gibt es auch noch. Aber entweder ist es Nepp, oder da haben schon so viele Leute angefasst, dass von der Farbe fast nichts mehr übrig ist. Jedenfalls konnte ich nichts erkennen, was man als Malerei oder gar Kunst hätte bezeichnen können.

Höhlenmalerei der Aborigines

Der Süden

… ist schon wieder viel interessanter. Die Nationalparks hier haben schöne Berge zum Wandern (Stirling Range National Park) und jahrhundertealte und riesengroße Bäume (Southern Forests) zu bieten. In Mt. Barker gibt es eine Banksia-Farm mit hunderten verschiedenen Banksias, obwohl ich immer dachte, es gibt nur 3 Arten davon. Man erzählt sich, dass der Name Banksia auf den Australien-Entdecker Joseph Banks zurückgeht, der nach einem Landausflug von seiner Schiffscrew gesucht wurde. Sie riefen immer “Banks! Banks here?” (sprich: Banks-hia)

Albany

Albany ist eine kleine Stadt (etwa 25000 Einwohner), das heißt, es gibt hier mehr als ein Hotel und eine Tankstelle. Supermarkt, Döner- und Pizzabude sind vorhanden und Internetzugang ebenfalls ;-) Dazu noch imposante Küstenabschnitte, die bestaunt werden wollen: Natural Bridge – ein Felsen in Brückenform in der Meeresbrandung, The Gap – eine Schlucht in der Meeresbrandung, “Blowholes” – Löcher in der Steilküste, durch die bei stürmischem Wetter das Wasser mit großem Getöse als fein zerteilte Tröpfchenwolken geblasen wird. Und wieder mal typisch für Australien: Mitten auf dem Felsen ein kleines Schild “Gehen sie hier nicht weiter. Das ist sehr gefährlich. Der Felsen hat Löcher, in die Sie hineinfallen könnten. Zwischen den Blowholes herumzuspazieren, hat schon mehrere Menschen das Leben gekostet.” In Deutschland würde an so einer Stelle eine große Absperrung stehen, aber in Australien ist der Bürger mündig genug, selbst zu entscheiden, welcher Gefahr er sich aussetzen will ;-) Bei der Besichtigung der Blowholes war es dann ausnahmsweise ganz praktisch, dass es regnete und stürmte, denn sonst hätte ich sie gar nicht in Aktion erleben können. Und für ein paar schöne Fotos vom “Stone Hill Lookout” lugte auch mal kurz die Sonne hervor.

In Albany wurden von 1952-1978 Wale gefangen und deren zumeist recht eklige Einzelteile zu allerlei nützlichem Zeug verarbeitet. Eines der Walfangschiffe und den originalen Walverarbeitungsbetrieb habe ich natürlich auch besichtigt. Wenn es allerdings noch so gestunken hätte wie zu der Zeit, als da noch Betrieb war, hätte ich es sicher nicht getan. In dem angeschlossenen Museum gab es nicht nur Skelette, eingelegten Blubber (die rund 25 cm dicke Fettschicht, die Wale unter der Haut haben, damit sie sich in den Meerestiefen von bis zu 3000 m nicht erkälten ;-)), 3D-Walvideos und Bilder, sondern auch einen komischen Glaskasten, der als Kulisse für eine in australischen Museen anscheinend beliebte, in der sonstigen Welt aber wenig bekannte Art von Entertainment diente. Da bewegen sich klitzekleine Menschlein in dieser Kulisse – die werden über irgendeine Hologrammtechnik in die Umgebung eingeblendet. Dadurch wirkt die Szenerie unheimlich räumlich und mir ist immer noch nicht richtig klar, wie es funktioniert. In dem Kasten ging es um einen Walfänger und seine Familie. Während der Fokus der Geschichte eigentlich beim Mann war, konnte man in der anderen Ecke des Kastens seiner Frau dabei zusehen, wie sie das Abendessen zubereitete. In Minigröße zwar, aber 100% detailgetreu, denn es war ja die verkleinerte Realität, die vorher irgendwo echt gefilmt wurde. Total irre, damit haben die mich so abgelenkt, dass ich gar nicht mitgekriegt habe, was der Mann von seinem tollen Job als Walfänger erzählt hat.

Giants Tree Top Boardwalk

Australier lassen sich immer wieder außergewöhnliche Sachen einfallen und so gibt es in der Nähe von Walpole den “Giants Tree Top Walk”. In 40 m Höhe kann man auf einem leicht schwankenden Gerüst zwischen den Baumwipfeln umherlaufen und hinunterspucken. Die Baumwipfel sind teilweise noch höher, so bis 45 m etwa. Eine grossartige Möglichkeit, sich den Wald von oben aus der Vogelperspektive anzuschauen. Leider streiten sich Walpole und die benachbarte Stadt Denmark (!) noch immer darüber, wer diese Attraktion vermarkten darf. Dass es eine geniale Idee war, zeigt sich schon daran, dass man sowas in Amerika jetzt auch haben will und bei den Australiern um Hilfe bei der Konstruktion angefragt hat.

Tree Top Boardwalk
Baumkronengang

Wem es oben zu unheimlich ist, der kann auch unten herumlaufen und nach oben schauen. Angeblich soll der grösste Baum dort 90 m hoch sein und der dickste soll 46 m Umfang haben – ich konnte beide bei bestem Willen nicht finden. Dafür habe ich einen Baum gesehen, dem ein Gesicht in die Borke gewachsen war, das sah genauso aus, wie man sich so einen alten, knochigen Baum im Märchenbuch vorstellt.

Fairy Tale Tree

Shannon N.P.

Da es dort unten im Südwesten noch so richtig viel Wald gibt und man wahnsinnig weit und lange wandern müsste, um ihn zu erkunden, haben sich diese pfiffigen Australier noch was feines einfallen lassen: einen Driving Trail mit Radiokommentar. Wer schon genug hat vom selber laufen, fährt ganz gemütlich in seinem Auto durch den Wald, stellt das Radio auf UKW 100 MHz und spitzt die Ohren. Da kann man dann hören, dass dort Karri, Marri und Jarrah-Bäume wachsen, die schon ungefähr 400 Jahre alt sind (genau weiss man es erst, wenn man sie fällt) und einmalig auf der Welt sind. Auch, wie man sie unterscheidet, wie man grössere Schäden durch Buschfeuer verhindert und dass die Bäume jetzt nicht mehr von der Rodung bedroht sind. Das und viele andere nette Geschichten erzählt einem eine angenehme Frauenstimme und zwischendurch gibt es sogar O-Töne von einem altersschwachen, sehr authentisch klingenden Holzfäller. Für die verantwortlichen Betreuer des Nationalparks ist das eine enorme Kosteneinsparung, da sie kein Personal da hinschicken müssen. Allerdings bekommen sie dann auch keine Eintrittsgelder, denn die wenigsten Besucher werden wohl ein paar Münzen in den bereitstehenden Kasten werfen. Und noch weniger der ohnehin schon nicht so zahlreichen Besucher werden die ausliegenden Formulare zur Registrierung ausfüllen – nach meinem subjektiven Empfinden, denn es waren ja außer uns keine Leute da, die ich hätte beobachten können – ach, es ist so schön einsam in den australischen Nationalparks ;-) So ganz ausgereift ist die Idee mit der Radioversorgung allerdings noch nicht, denn die 2-10 km zwischen den einzelnen Stationen sind etwas langweilig und man muss das Radio ständig ein- und wiederausschalten, es sei denn, man mag die markanten Geräusche eines allzu schwachen Radioempfangs. Schöner wäre es, wenn das Radioprogramm auf der kompletten Strecke zu empfangen wäre.

Für richtige Wanderfreaks und Rekordverrückte gibts aber auch einen Long-Distance-Walking-Track, der 963 km lang ist und von Perth bis Albany führt. Diese Wanderstrecke heißt Bibbulmun-Track, benannt nach der Sprache einer Aborigine-Gruppe, die in dieser Gegend umherwandert. Wer gut zu Fuss ist, kann die komplette Strecke in 7 Wochen schaffen. Es gibt eine Bibbulmun Track Project Group, die sich um den Wanderpfad kümmert, Markierungen erneuert, die Campingplätze am Weg erneuert und Informationen über die Wanderbedingungen herausgibt. Zum Beispiel sorgen sie für die Verbreitung einer Aborigine-Weisheit, die man beachten sollte, wenn man Lagerfeuer macht: “Der weiße Mann macht ein großes Feuer und setzt sich weit weg – der schwarze Mann macht ein kleines Feuer und setzt sich ganz dicht ran”. Diese Projektgruppe ist außerdem besonders stolz auf das einfache und gepflegte Design ihrer Buschtoiletten. Die kleinen Häuschen werden extra für diesen Wanderpfad in einem Staatsgefängnis gebaut. Und die Leute von dem Projekt unternehmen große Anstrengungen, die Toilettenhäuschen an den Stellen des Wanderweges zu positionieren, die den Benutzern die beste Aussicht über die Landschaft bieten. Na, wer das als Wanderer nicht zu schätzen weiß. Ich persönlich würde es ja bevorzugen, wenn die sich lieber um Trinkwasser auf den Campingplätzen kümmern würden, aber diese Aufgabe ist wohl eine Nummer zu groß für das Projekteam, denn dafür muss man als Wanderer selbst sorgen.

Pemberton

Der Kuriositäten im Wald nicht genug: in der Nähe von Pemberton gibt es auch noch Kletterbäume (climbing trees). Früher, als es noch keine Flugzeuge gab oder man sich noch keine leisten konnte, sind die Leute auf die höchsten Bäume geklettert, um die Buschfeuer zu finden. Dazu wurden auf 8 besonders hohen Bäumen (50-70m) Aussichtsplattformen gebaut (die nicht halb so schön wie unsere Baumbuden früher waren, aber sie hatten ja auch einen anderen Zweck). Um besser hochklettern zu können, wurden in regelmässigen Abständen (=ein grosser Schritt) Eisenstangen waagerecht in den Baumstamm gehauen, die sich wie eine Wendeltreppe um den Stamm herum bis ganz nach oben wendeln.

Kletterbaum

Drei von diesen Bäumen sind heute noch vorhanden: Diamond Tree (51m), Gloucester Tree (60m) und Bicentennial Tree (68m). Man darf da sogar raufklettern. Die Gelegenheit konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, auch wenn die Stangen furchtbar kalt (zu dumm, dass ich keine Handschuhe dabei hatte) und vom Regen noch etwas glitschig waren. Unten stand ein Warnschild: “Klettern Sie nur auf den Baum, wenn sie sich fit fühlen!” Dazu noch ein halbes Dutzend Warnungen, die einem Angst machen und vom Hochklettern abhalten sollten. Man sollte feste Schuhe tragen, keinen bekannten Herzfehler haben und natürlich auch keine Höhenangst. Da frage ich mich doch, warum sie es nicht gleich verbieten. Auf halber Höhe dann nochmal ein Schild: “Das war der leichte Teil. Die letzten 15 Meter sind senkrecht zu erklimmen. Überlegen sie lieber nochmal, ob Sie wirklich hochklettern wollen!” In weniger als 10 Minuten konnte ich von oben eine wunderbare 360-Grad-Aussicht genießen.

Der Ort Pemberton ist wieder so ein furchtbar kleines Nest, wo es nichts gibt. Naja, fast nichts. Immerhin hatten sie ein chinesisches Restaurant, das in geschmacksqualitativer Hinsicht ausgezeichnet war, auch wenn man den Reis zum Essen extra bestellen und bezahlen musste. Da dort wieder das Motto galt: “Je kleiner der Ort, desto teurer die Nachtlager” (denn wer einmal da ist, braucht einen Schlafplatz und hat keine Alternativen), schliefen wir im Backpackers Hostel. Als Zugabe gabs einen Getränkegutschein für den Pub, aber da haben wir uns gar nicht erst reingetraut ;-)

Da wir lange keine Wasserfälle gesehen hatten, machten wir einen kleinen Umweg über die Beedelup Falls. Auch dort gab es wieder eine große Auslage mit Formularen und einem kleinen Kästchen mit Schlitz, um sich als Besucher des Wanchup Nationalparks anzumelden. Da wir außerhalb der Öffnungszeiten ankamen, haben wir das großzügig ignoriert, denn nach 17.00 Uhr darf man sogar offiziell umsonst in den Park. Damit man die Fälle auch gut sehen kann, wurde davor eine Federbrücke hingebaut. Eine einfache Brücke hätte zwar auch gereicht, aber so hat man doch tatsächlich mehr Spaß an der Brücke als am Wasserfall.

An einem anderen Wasserfall (“The Cascades”) entdeckten wir ein Info-Schild über Lampreys – mal wieder ein typisches Beispiel für australische Absonderlichkeiten, in diesem Fall aus der Tierwelt. Lampreys sind aal-ähnliche, grätenlose Fische. Der australische Lamprey, wie könnte es anders sein, ist dazu noch ein Beuteltier und nennt sich Geotria australis. Soweit, so gut. Aber: diese Lampreys sind welche von der ganz fiesen Sorte, denn sie haben in ihren kleinen Mäulchen viele Reihen kettensägenartiger Zähne, die sie benutzen, um sich an ihren Opfern festzubeißen (bevorzugt am Kopf) und denen das Blut auszusaugen. Wenn nicht genug Blut drin ist, saugen sie eben das Fleisch raus. Die Lampreys kommen vom Ozean durch die Flüsse ins Inland, um zu laichen. Die kleinen Lampreys brauchen dann etwa 4 Jahre, um als Larve eine Länge von 9 cm zu erreichen. Danach verwandeln sie sich in einen erwachsenen Lamprey und schwimmen zum Ozean bis sie endlich wieder zurückkommen, laichen und sterben (aufgrund dieses Wanderlaichverhaltens nennt der Zoologe den Lamprey einen anadromen Fisch). An der Murdoch University in Perth gibt es eine Forschungsgruppe, die sich für Lampreys interessiert und dieses Schild aufgestellt hat. Sie bitten darum, informiert zu werden, falls man grössere Vorkommen von Lampreys beobachtet. Anscheinend ist ihr Interesse an den Lampreys also noch nicht mal so groß, dass sie selbst nach ihnen Ausschau halten.

Küste von Cape Leeuwin bis Cape Naturaliste

Leuchtturm

An beiden Capes steht ein Leuchtturm, von dem aus die ab und zu vorbeikommenden Schiffe gewarnt werden, dass sie sich ganz schnell in ein auf dem Meeresboden liegendes Wrack verwandeln könnten, wenn sie sich der Küste nähern, denn da gibt es gefährliche Felsen. Obwohl es für Taucher natürlich schön ist, wenn es ab und zu mal ein neues Wrack zu besichtigen gibt ;-)

Bis zu 35 km von der Küste entfernte Schiffe kann man noch erkennen. Da jeder Leuchtturm einen international eindeutigen Lichtsignalcode besitzt, kann der Schiffskapitän an der Anzahl und dem Zyklus der Lichtsignale erkennen, ob er tatsächlich dort ist, wo er hin wollte. Heute funktionieren die Leuttürme ja vollautomatisch, aber früher musste der Leuchtturmwärter immer das Gewinde aufziehen, damit sich die Reflektoren drehen. Der Leuchtturm am Cape Leeuwin ist 39 m hoch, da muss der Wärter alle 2h an die Kurbel, der andere Turm ist nur 15 m hoch, da ist jede halbe Stunde aufziehen angesagt. 3 Wärter (und für jeden ein Häuschen) gab es, sodass die Wärter nach dem Rhythmus 4h arbeiten, 8h ruhen lebten. Stressiger Job. Und ungesund: weil die Lampen mit Kerosin betrieben wurden, war alle 4 Stunden Schichtwechsel. Am Cape Leeuwin haben die Geographen die Grenze zwischen dem Indischen Ozean und dem Südpazifik festgelegt. Die ersten paar Kilometer haben sie sogar ein Seil im Wasser gespannt.

Grenze zwischen den Ozeanen

Die Küste zwischen den beiden Capes ist – völlig australientypisch – gleichzeitig atemberaubend schön und gefährlich. Beeindruckende Felsformationen gibt es (z.B. die Canal Rocks und der Sugarloaf Rock) und dazwischen Strände ohne Ende, die von den weltbesten Surfern geliebt werden und noch mehr Fischgründe, wo die Australier ihre Angelleidenschaft ausleben können.

Canal Rocks
Canal Rocks
Sugarloaf Rock (Zuckerhutfelsen)

Aufgrund des Klimas können sich sowohl die Surfer als auch die Angler, wenn sie ihres Sports überdrüssig sind, in den Weingütern um Margaret River an bestem australischen Wein erfreuen, obwohl diese Option natürlich genauso für die eher unsportlichen Urlauber offensteht.

Ansonsten sieht man dort an jeder Ecke Galerien – anscheinend halten sich sehr viele Einheimische dort für Künstler und stellen mal eben ihre Bastelarbeiten aus Holz, Ton, Metall oder sonstigen Materialien aus und hoffen, dass sie Käufer finden.

Viel spannender sind aber die ebenfalls recht zahlreich vorhandenen Höhlen in der Gegend (Lake Cave, Jewel Cave, Mammoth Cave …). Einige davon sind elektrisch beleuchtet und mit touristischer Führung, andere kann man noch abenteuerlich mit Kletterausrüstung und Taschenlampe erkunden. Wir sind mal 90 m tief in die Lake Cave hinuntergeklettert, die voll von uralten Stalagmiten (die, die von unten wachsen) und Stalaktiten (die, die von oben runtertropfen) ist und durch die sich außerdem noch ein unterirdischer Wasserlauf windet. Seitdem das Wasser da den Sand weggespült hat, auf dem fantastische Stalagmiten gewachsen waren, hängen mehrere tonnenschwere Säulengebilde jetzt in der Luft (rund 40 cm über der Wasseroberfläche) – und fallen trotzdem nicht runter. Und durch die Beleuchtung und die Wasserspiegelungen wirkt die ohnehin schon beeindruckende Säulenvielfalt noch imposanter.

Tropfsteinhöhle

Busselton

Etwas weiter im Norden liegt Busselton. Ein gewöhnliches kleines australisches Städtchen mit der einzigen Besonderheit, dass man es hier geschafft hat, den immer noch hölzernen Schiffsanlegesteg (timber jetty) im Laufe der Jahre auf stolze 11 km auszubauen, sodass jetzt sogar ein Zug darauf fährt, um das Be- und Entladen der Schiffe zu erleichtern. Der Grund dafür liegt einfach darin, dass der Steg (oder die ganze Stadt) an einer für die Schiffahrt sehr ungünstigen (weil zu flachen) Stelle liegt, und die Schiffe immer größer wurden und mehr Tiefgang hatten, während das Meer immer flacher wurde.

Bunbury

Ein ebenso kleines nettes Städtchen ist Bunbury. Dieses hat aber eine touristisch weit attraktivere Sehenswürdigkeit zu bieten als Busselton: dort kommen regelmäßig bis zu 100 wilde Delphine vorbei und besuchen die Menschen, die an der extra eingerichteten Dolphin Interaction Zone nur darauf warten, die Delphine zu sehen. Dazu gibt es ein Museum mit viel Wissenswertem über Delphine, einer Anzeigetafel, wann sich welcher Delphin wo sehengelassen hat bzw. aufgetaucht ist und u.a. mehrere Sessel mit Kopfhörern, auf denen man Geschichten von Menschen und ihren Begegnungen mit den Delphinen lauschen kann. Zu einer Frau kamen die Delphine jeden Tag und ließen sich von ihr füttern und streicheln und spielten mit ihr. Und eine Menge Leute berichten davon, dass sie persönliche Probleme hatten, mit den Delphinen geschwommen sind und sich danach wieder wunderbar gut gefühlt und die Lösungen für ihre Probleme erkannt haben. Auch wenn das jetzt nach Psychosekte klingt, kann ich mir irgendwie schon ganz gut vorstellen, dass es ein umwerfendes Erlebnis ist, wenn Delphine mit einem “spielen”. Kein Wunder jedenfalls, dass die “Schwimmen-mit-den-Delphinen”-Touren trotz des unverschämten Preises von 99 Dollar für die nächsten Tage ausgebucht waren – und das ohne Ferien oder Hochsaison, während überall sonst Touristenflaute herrschte. Immerhin konnten wir noch einen Platz auf dem Boot ergattern, dass uns für deutlich günstigere 27 Dollar auf eine Delphinbeobachtungstour mitnahm.

Warten auf die …
… Delphine

Etwa ab Rockingham nördlich ist die Küste dann wieder fast durchgängig Strand (wo ursprünglich keiner war, wurde eben welcher hingeschüttet) und zieht sich hoch bis nach Perth. In Rockingham kann man auch wieder Delphine beobachten (ist dort aber noch teurer als in Bunbury), oder auf zwei kleinen Inseln (Penguin und Seal Island) Pinguin-Kolonien und Seelöwen (oder Seerobben?) besuchen. Dummerweise haben wir die letzte Fähre zu den Inseln verpasst, aber Pinguine hatte ich auch schon auf Phillip Island gesehen.

Perth und Fremantle

Skyline von Perth

Im Meeresmuseum las ich den Spruch: “Perth inhabitants live half a year by the Indian Ocean – the other half in it” (Die Hälfte des Jahres leben die Einwohner von Perth am Indischen Ozean, die andere Hälfte darin.) Und das ist wahr: Perth ist DIE Stadt der Surfer (=Wellenreiten, nicht Windsurfen). Die ohnehin schon reichlich vorhandenen Strände wurden über den gesamten Küstenstreifen von Rockingham bis Two Rocks ausgedehnt. Wo kein Sand war, wurde welcher angeschüttet und Steinwälle zum Schutz hingesetzt, damit der Sand auch da bleibt. Wer kann, kann also jeden Morgen rund 100 km am Strand entlang joggen gehen. Mir hat ein kürzeres Stück (am Cottesloe Beach) genügt, aber es ist schon toll, sich bei Sonnenaufgang und Meeresrauschen eine kühle Brise um die Nase wehen zu lassen. Unschön ist allerdings, dass das alle machen und die Jogger wie eine Ameisenstrasse im Sand verlaufen. Im Wasser gibt es eine zweite Ameisenstrasse, das sind die Surfer, die im Wasser liegen und auf die nächste gute Welle warten. Und da in Perth alle Strände exakt Richtung Westen ausgerichtet sind, kann man abends die Sonne ins Meer tauchen sehen.

Sunset

Anstatt sich um Kunst und Kultur zu kümmern, haben die Stadtväter von Perth in den letzten 10 Jahren über den Bau eines künstlichen Riffs diskutiert. Damit würden die Wellen gleichmässiger auf die Küste zurollen und das Surfvergnügen enorm steigern. Letztes Jahr wurde es tatsächlich gebaut. Eine Menge alter Autoreifen haben nun eine neue Bestimmung gefunden und liegen, kunstvoll zu einem Riff verarbeitet, vor der Küste rum. Ob die Weltmeister im Surfen deshalb zahlreicher hier erscheinen werden, bleibt aber noch fraglich. Übrigens werden die Strände von Surfern in Linkshänder und Rechtshänder eingeteilt. Wer mit dem linken Fuss nach vorne auf dem Brett steht, wird demnach Rechtshänder-Strände bevorzugen, denn da steht man mit der rechten Hand zum Strand, linke Hand zur Welle (am Linkshänder-Strand müsste derjenige mit dem Rücken zur Welle surfen).

Perth ist, abgesehen von den Themenparks bei Surfers Paradise an der Ostküste (nahe Brisbane), der einzige Ort, an dem eine Wasserskibahn (cable ski world) gebaut wurde. Somit gibt es in ganz Australien derzeit nur 2 solcher Anlagen, wo man ohne Boot Wasserski und Wakeboard fahren kann. Das hat mich total verwundert, denn allein um Berlin herum gibt es schon 3 dieser Dinger. In Melbourne und Sydney wird Wasserski nur am Boot hängend gefahren, was bei einer größeren Anzahl von Skifahrenden natürlich eine wesentlich schlechtere Ökobilanz als so eine elektromotorbetriebene Anlage aufweist. Aber im Hinblick auf technologischen Fortschritt zum Schutz der Umwelt und auch ganz allgemein in der Entwicklung hinkt Australien eben hinter den führenden Industrieländern deutlich hinterher. Wenn man mit eingewanderten Australiern darüber spricht, die höhere Standards gewohnt sind, winken die immer gleich ab: “Australia is behind”, wobei sie eine bedeutungsvolle Pause vor das Wort “behind” legen und dieses dann mit kräftigem Augenrollen äußern.

Ähnlich wie in Sydney und Brisbane schlängelt sich in Perth ein Fluss durch die Stadt, der Swan River. Von den verschiedenen Aussichtspunkten hat man dann jeweils einen wunderbaren Blick auf den Flusslauf. Einer der besten Aussichtspunkte in Perth ist im Kings Park. Und nicht nur Touristen nutzen diese Gelegenheit, nein auch die Teenies reicher Eltern lassen sich in Anzug und Abendkleid in Stretch-Limos in den Park fahren, steigen aus, genießen die Aussicht und halten bei ein paar Gläsern Champagner Smalltalk, bevor sie zu ihrem Ball fahren. Ich konnte es erst gar nicht verstehen, als ich an einem Abend mehr als 10 solcher Limos an- und wieder abfahren sah, aber man hat mir erklärt, dass sie auf dem Ball keinen Alkohol mehr trinken dürfen und sich deshalb schon vorher Erheiterung verschaffen.

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